„Das Licht leuchtet in der finsternis“

Hirtenwort von Bischof Wolfgang Ipolt zum 4. Adventssonntag

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!

I.

Heute ist der 4. Advent. Das Evangelium dieses Sonntags lenkt unseren Blick auf die Mutter des Herrn, die sich großherzig und gläubig dem Weg Gottes in diese Welt zur Verfügung stellt.
Kurz bevor wir in wenigen Tagen Weihnachten feiern werden – wie in jedem Jahr und doch dieses Mal ganz anders – möchte ich Ihnen allen mit diesem Brief ein Zeichen der Verbundenheit und der Ermutigung senden.

Das Weihnachtsfest in diesem Jahr ist für viele Menschen überschattet von Ängsten, Verunsicherung und Vereinsamung. Es ist nicht möglich, sich zum Fest in größerem Kreis zu treffen. Schon länger sind in dieser Zeit der Pandemie manche Selbstverständlichkeiten des menschlichen Miteinanders, wie zum Beispiel die Begrüßung durch einen Händedruck, bei uns allen der Vorsicht vor Ansteckung und der Sorge um den Nächsten gewichen. Ich gebe zu, dass dies auch für mich ein schwerer Verzicht ist, denn wir sehnen uns nach Berührung der Menschen, die wir lieben und denen wir unser Wohlwollen zeigen wollen. Solche Nähe müssen wir jetzt auf andere Weise zeigen und Ideen entwickeln, wie wir trotz Abstand Gemeinschaft bilden können.

Ich sehe auch zunehmend, dass manche Menschen in lähmender Angst gefangen sind und sich schwer tun, zu Vertrauen und größere Gelassenheit zu finden, was natürlich nicht zu verwechseln ist mit unverantwortlicher Unvorsichtigkeit.

Vieles ist im zurückliegenden Jahr im wahrsten Sinn des Wortes „frag-würdig“ geworden. Papst Franziskus hat es in seinem gerade erschienenen Buch „Wage zu träumen“ so ausgedrückt: „Diese

Krise deckt unsere Verwundbarkeit auf, sie legt die falschen Sicherheiten bloß, auf denen wir unser Leben aufgebaut haben. Es ist eine Zeit der ehrlichen Reflexion, der Besinnung auf unsere Wurzeln.“1 Wir merken doch alle: Auch unser Glaube ist herausgefordert oder gar angefochten in diesen Zeiten der Pandemie, vor allem dann, wenn uns Gewohntes wie am kommenden Weihnachtsfest versagt ist.

Da drängen sich Fragen auf, die nach einer Antwort rufen:
Auf welche Weise ist Gott auch jetzt in der Pandemie gegenwärtig? Was kann er uns in und durch eine solche Erfahrung sagen?
Was bedeutet es, dass wir trotz erheblicher Anstrengungen, die Krankheit derzeit nicht besiegen können?
Wie wichtig ist uns in dieser Zeit die eigene Beziehung zu Gott?
Mit vorschnellen Antworten auf diese Fragen bin ich zurückhaltend, weil Gott eben immer ein Geheimnis bleibt und wir nur tastend und vielleicht erst im Rückblick einmal entdecken, auf welche Weise er uns nahe war und auf welchen Weg er uns geschickt hat.

II.

Aber die Heilige Schrift, das Wort Gottes, kann uns Hinweise geben, wie wir auch in diesem Jahr Weihnachten christlich und vielleicht sogar näher am eigentlichen Kern des Festes feiern können.

Bei der Geburt des Täufers Johannes stimmt sein Vater Zacharias ein Lied an, das „Benedictus“,in dem es am Ende erwartungsvoll heißt: „Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes.“(Lk 1, 78f.) Was der „Schatten des Todes“ sein kann, erleben wir in diesen Wochen und Monaten hautnah – zunächst nur am Fernsehschirm, aber in den letzten Wochen auch in unseren Gemeinden, wenn vor allem ältere Menschen mit Covid 19 gestorben sind.Dennoch: Es gibt das „Licht aus der Höhe“, dass uns in der Finsternis nicht allein lässt. Zacharias sieht schon voller Hoffnung den Messias und Erlöser, dessen Geburtstag wir bald feiern werden. Wie in jedem Jahr werden wir Lichter anzünden in unseren Wohnungen, an der Krippe, in den Kirchen, an den Christbäumen auf den Marktplätzen unserer Städte und Dörfer. Das ist ein Zeichen, dass wir Gott zutrauen, dass er uns tatsächlich in der augenblicklichen Lage besucht als„das aufstrahlende Licht aus der Höhe“, und uns nahe sein will. Darüber dürfen wir uns an Weihnachten aus ganzem Herzen freuen.

Ein anderes Wort der Bibel aus dem Buch Ijob ist mir in den letzten Wochen zur Wegweisung geworden. Als Ijob mit einer schweren Krankheit geschlagen wird und vom Aussatz gezeichnet seine Gesundheit verliert, will seine Frau an Gott verzweifeln und auch ihrem Mann die Frömmigkeit ausreden. Darauf antwortet Ijob mit einer einfachen Frage: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“(Ijob 2,10) So kann nur jemand antworten, der immer unter der Vorsehung Gottes lebt und sich ihm verdankt weiß. In einer Zeit der Gottvergessenheit ist das nicht selbstverständlich, das weiß ich wohl. Viele meinen, dass das Leid unvereinbar sei mit dem Glauben an Gott und sie verlieren im Leid den Glauben oder zweifeln an Gottes Güte.

Weihnachten will uns zeigen, dass Gott gerade nicht Abstand („social distancing“) zu uns und zu dieser von der Pandemie geplagten Welt halten will, sondern wirklich Mensch wird und in Freud und Leid bei uns sein will. Gott zeigt sich in beiden Wirklichkeiten – im Glück und auch im Leiden. Wir glauben nicht an einen Gott, der alle unsere Wünsche erfüllt – dann wäre er nur eine Marionette unserer Vorstellungen. Gerade die letzen Monate haben uns gezeigt, dass Gott manche unserer Erwartungen durchkreuzt, dass Selbstverständlichkeiten in Frage gestellt werden und dass das Leben zerbrechlich ist. Wir brauchen darum jetzt die Gelassenheit und das Vertrauen eines Ijob, der sagen kann: „Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“

III.

Liebe Schwestern und Brüder,
nach diesem Blick in die Heilige Schrift möchte ich Ihnen am heutigen Sonntag für das besondere Weihnachtsfest, vor dem wir stehen, einige ganz konkrete Empfehlungen geben, mit denen Sie trotz aller Einschränkungen den kommenden Tagen ein christliches Profil geben können. Vielleicht kann ja dadurch sogar etwas wachsen, was wir auch in der Zukunft weiter pflegen können.

1. In unseren Gottesdiensten werden wir in diesem Jahr aus bekannten Gründen die beliebten Weihnachtslieder nicht singen können. Darum meine erste Empfehlung: Singen Sie zu Hause im Kreis Ihrer Familie aus ganzem Herzen die Lieder, die von der Freude über die Geburt Christi erzählen. Für manchen wird das ungewohnt sein, im kleinen Kreis ein Lied anzustimmen. Sie können dabei die Erfahrung machen: „Wer singt, betet doppelt“, wie es der heilige Augustinus einmal ausgedrückt hat. Was früheren Generationen selbstverständlich war – zu Hause zu singen und zu musizieren – dazu kann uns die Corona-Zeit ermutigen.

2. Manch einem wird das übliche Krippenspiel am Heiligen Abend fehlen, andere vermissen das festliche Hochamt mit dem Kirchenchor. Nicht alle können in diesem Jahr an einem Gottesdienst teilnehmen. Aber Weihnachten darf nicht vorbei gehen ohne den Blick auf das eigentliche Geheimnis dieses Festes. Darum meine zweite Empfehlung: Halten Sie mit Ihren Familienangehörigen selbst am Heiligen Abend vor der Bescherung eine kleine Hausandacht an der Krippe in Ihrer Wohnung. Unser Gesangbuch „Gotteslob“ hat dafür unter der Nr. 26 einen schönen Vorschlag, den man dafür nutzen kann.

3. Meine dritte Empfehlung lautet: Ahmen Sie ein wenig das nach, was Gott tut: Er baut eine Brücke zu uns Menschen indem er selbst Mensch wird. Vergessen Sie darum an den Festtagen besonders ältere und kranke Menschen aus der Gemeinde nicht! Denken Sie an die Verwandten, die gern bei Ihnen wären aber wegen der Pandemie nicht eingeladen werden können oder die man nicht besuchen kann. Ein Telefonanruf – heute ja sogar schon mit Video möglich – baut eine solche Brücke von Mensch zu Mensch. Man kann sogar am Telefon zusammen beten oder singen – viele haben das schon probiert. Weihnachten lehrt uns, die Brücken zum Nächsten in dieser schwierigen Zeit zu festigen und nicht abreißen zu lassen. Wenn es in Ihrer Pfarrei ein Pflegeheim oder ein Krankenhaus gibt, kann es ein schönes Zeichen sein, dem Personal einen Weihnachtsgruß zu bringen als Dank für dessen aufopferungsvollen Dienst in dieser Zeit.

Liebe Schwestern und Brüder,
lassen Sie uns jetzt zuversichtlich auf Weihnachten zugehen. Auch in diesem Jahr können wir uns darüber freuen, dass wir an einen Gott glauben, der uns nicht im Stich lässt, sondern hinabgestiegen ist in unsere menschliche Armseligkeit. Ich bin sicher, dass er uns auch durch diese Krisenzeit führen wird. Darum lasst uns ein frohes Zeugnis für das Leben und für die Freude geben inmitten einer sterblichen Welt, die wir in der Pandemie jetzt existentiell erfahren.

Von solcher Zuversicht spricht eindrucksvoll das bekannte Gedicht des evangelischen Theologen und Märtyrers Dietrich Bonhoeffer:
Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

In dieser Zuversicht segne und begleite euch durch die kommenden Festtage hinüber in das neue Jahr der allmächtige Gott, der Vater + und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

Euer Bischof

Foto: Screenshot Bistum Görlitz

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