Mission 2

Predigt zum Evangelium vom Freitag der 14. Woche im Jahreskreis

Die Worte Jesu aus dem Matthäusevangelium gehören nicht zu den angenehmen Sätzen des Evangeliums. Sie machen keine falschen Versprechungen. Jesus sagt nicht: „Wenn ihr mir nachfolgt, wird alles leicht.“ Er sagt vielmehr: „Seht, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe.“ Das ist ein realistischer Blick auf die Welt. Wer den Glauben ernst nimmt und ihn nicht nur für sich behalten will, wird früher oder später auf Widerstand stoßen. Das war zur Zeit der Apostel so, und das ist auch heute nicht anders.

Dabei fällt zunächst auf: Jesus sagt nicht: „Geht!“ Er sagt: „Ich sende euch.“ Das ist ein großer Unterschied. Christsein beginnt nicht mit einem eigenen Projekt oder einer guten Idee. Es beginnt damit, dass Christus sendet. Die Kirche ist deshalb ihrem Wesen nach missionarisch. Sie lebt nicht für sich selbst. Sie lebt nicht nur, um das Bestehende zu verwalten. Sie ist gesandt, damit Menschen Jesus Christus kennenlernen.

Gerade darin liegt heute eine große Herausforderung. Lange Zeit konnten wir in Europa davon ausgehen, dass der Glaube irgendwie selbstverständlich weitergegeben wird – durch die Familie, die Schule oder das gesellschaftliche Umfeld. Diese Zeit ist vorbei. Viele Menschen kennen den christlichen Glauben kaum noch. Andere haben ihn einmal kennengelernt und wieder verloren. Wieder andere suchen nach Sinn, wissen aber nicht mehr, wo sie ihn finden können.

Deshalb spricht die Kirche seit Jahrzehnten von der Neuevangelisierung. Das bedeutet nicht, ein neues Evangelium zu verkünden. Das Evangelium bleibt dasselbe. Neu werden müssen wir. Neu muss unsere Art werden, den Glauben zu leben und weiterzugeben. Neuevangelisierung beginnt nicht mit besseren Werbeideen oder modernen Programmen. Sie beginnt mit Menschen, die Jesus wirklich kennen und lieben.

Genau hier setzt ein wichtiger Gedanke an: Eine Pfarrei kann nur dann missionarisch werden, wenn ihre Glieder zuerst Jünger Jesu sind. Man kann andere nicht dorthin führen, wo man selbst nie gewesen ist. Man kann niemandem die Freude an Christus vermitteln, wenn man selbst nur eine Pflichtbeziehung zu ihm hat.

Wir haben uns manchmal daran gewöhnt, Christen zu sein, ohne wirklich Jünger zu sein. Wir feiern Gottesdienste, engagieren uns in Gruppen und erfüllen Aufgaben. Das alles ist gut und wichtig. Aber Jesus ruft zuerst Menschen in seine Nachfolge. Er möchte nicht nur Mitarbeiter, sondern Jünger. Jünger sind Menschen, die täglich mit ihm leben, auf sein Wort hören, beten, die Sakramente empfangen und sich von ihm verändern lassen.

Erst aus dieser persönlichen Beziehung wächst der Wunsch, den Glauben weiterzugeben. Mission ist niemals Werbung für eine Organisation. Mission ist das Weitererzählen einer Begegnung. Andreas konnte seinem Bruder Simon nur deshalb sagen: „Wir haben den Messias gefunden“, weil er ihn selbst gefunden hatte. Die Samariterin konnte ihr Dorf nur deshalb zu Jesus führen, weil sie selbst von ihm angesprochen worden war.

Doch Jesus ist kein Träumer. Er weiß, dass seine Jünger nicht in einer idealen Welt leben. Deshalb sagt er: „Seid klug wie die Schlangen und arglos wie die Tauben.“

Klug wie die Schlangen – das bedeutet nicht, berechnend oder listig zu sein. Es bedeutet, die Wirklichkeit nüchtern wahrzunehmen. Wer heute den Glauben weitergeben will, muss die Fragen der Menschen kennen. Er muss zuhören können. Er muss verständlich sprechen. Er darf nicht erwarten, dass alle schon dieselbe Sprache des Glaubens verstehen. Klugheit heißt auch, die Kräfte einer Pfarrei sinnvoll einzusetzen und sich immer wieder zu fragen: Dient das, was wir tun, wirklich dazu, Menschen näher zu Christus zu führen?

Gleichzeitig sollen wir arglos wie die Tauben sein. Das bedeutet: ohne Hintergedanken, ehrlich, glaubwürdig und liebevoll. Menschen spüren sehr schnell, ob jemand sie gewinnen oder ob er sie wirklich lieben möchte. Evangelisierung geschieht niemals durch Druck. Sie geschieht durch das glaubwürdige Zeugnis eines Lebens, das von Christus geprägt ist.

Dann fügt Jesus noch einen dritten Satz hinzu: „Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht!“ Das klingt zunächst hart. Aber Jesus macht seine Jünger aufmerksam, dass nicht jede Zustimmung echt ist und nicht jede Entwicklung in der Gesellschaft dem Evangelium dient. Christen brauchen deshalb Unterscheidungsvermögen. Nicht alles, was modern erscheint, ist gut. Nicht jeder Zeitgeist führt zum Leben. Wer Christus nachfolgt, muss immer wieder prüfen, ob er sich mehr an der öffentlichen Meinung orientiert oder am Evangelium.

Gerade hier braucht die Neuevangelisierung Mut. Eine missionarische Kirche passt sich nicht einfach jeder Erwartung an. Sie spricht die Wahrheit in Liebe. Sie verschweigt weder die Barmherzigkeit Gottes noch seinen Anspruch. Denn beides gehört zusammen. Jesus nimmt den Menschen an, aber er lässt ihn nicht so, wie er ist. Er ruft ihn in ein neues Leben.

Vielleicht fragen wir uns: Was können wir als kleine Gemeinde überhaupt bewirken? Die Antwort Jesu lautet: sehr viel – wenn wir zuerst seine Jünger werden. Die ersten Christen waren zahlenmäßig unbedeutend. Sie hatten keine großen Gebäude, keine Medien und keinen gesellschaftlichen Einfluss. Aber sie kannten Christus. Sie lebten aus dem Heiligen Geist. Und gerade deshalb veränderten sie die Welt.

Die Erneuerung der Kirche beginnt deshalb nicht mit Strukturen. Sie beginnt im Herzen. Sie beginnt dort, wo ein Mensch neu Ja zu Jesus sagt, täglich Zeit mit ihm verbringt und sich von ihm senden lässt. Aus solchen Jüngern entstehen missionarische Familien, missionarische Gruppen und schließlich missionarische Pfarreien.

Bitten wir den Herrn heute um diese Gnade: dass wir nicht nur Christen dem Namen nach sind, sondern wirkliche Jünger Jesu. Dass wir klug handeln, ohne unsere Lauterkeit zu verlieren. Dass wir uns nicht vom Widerstand entmutigen lassen. Und dass unsere Gemeinde zu einem Ort wird, an dem Menschen Christus begegnen können – weil sie hier Frauen und Männer treffen, die ihn selbst gefunden haben und voller Freude bezeugen: Er lebt.

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