Katholische Pfarrei Beata Maria Virgo Neuzelle
Predigt zum Evangelium vom Donnerstag der 14. Woche im Jahreskreis
Jesus sendet seine Jünger aus und gibt ihnen einen ungewöhnlichen Auftrag. Sie sollen das Evangelium verkünden und sagen: „Das Himmelreich ist nahe.“ Sie sollen Kranke heilen, Menschen aufrichten und Hoffnung schenken. Und dann folgt eine Anweisung, die uns zunächst überrascht: Sie sollen weder Geld mitnehmen noch einen Vorrat an Kleidung oder Verpflegung. Fast könnte man meinen, Jesus wolle sie unvorbereitet auf den Weg schicken.
Natürlich müssen wir diese Worte nicht einfach wörtlich auf unsere Zeit übertragen. Niemand würde heute sagen, dass ein Priester oder ein Missionar ohne Geldbeutel oder Reisetasche unterwegs sein muss. Aber hinter dieser Anweisung steckt eine Botschaft, die bis heute gilt.
Jesus will eine Rangordnung deutlich machen. Das Wichtigste ist nicht die Ausrüstung. Das Wichtigste ist nicht die eigene Sicherheit. Das Wichtigste ist nicht der persönliche Erfolg. Das Wichtigste ist die Botschaft selbst: Das Reich Gottes ist nahe. Gott ist den Menschen nicht fern. Er sucht sie, liebt sie und will ihnen das Leben schenken.
Die Jünger sollen sich nicht zuerst um tausend Nebensachen kümmern. Sie sollen das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Das gilt auch für uns.
Gerade im Laufe eines langen Lebens sammeln sich viele Sorgen an. Man denkt an die Gesundheit, an die Familie, an die Zukunft der Kinder und Enkel, an die Kirche und an die Welt. Vieles beschäftigt uns. Das ist verständlich.
Aber Jesus erinnert uns heute daran: Vergesst das Wichtigste nicht. Das Entscheidende ist die Verbindung mit Gott. Alles andere hat seinen Platz, aber nichts darf wichtiger werden als das Vertrauen auf den Herrn und die Freude am Evangelium.
Manche sagen: „Was kann ich denn in meinem Alter noch für die Kirche tun? Ich kann keine großen Aufgaben mehr übernehmen. Ich bin nicht mehr so beweglich. Ich habe nicht mehr die Kraft von früher.“
Vielleicht gerade deshalb ist dieses Evangelium für Senioren eine große Ermutigung.
Verkündigung geschieht nämlich nicht nur auf einer Kanzel oder bei einer Missionsreise. Ein älterer Mensch kann durch seine Gelassenheit Zeugnis geben. Er kann einem Enkelkind erzählen, wie Gott ihn durch schwere Zeiten getragen hat. Er kann einen Menschen trösten, der Angst hat. Er kann treu für andere beten. Er kann im Krankenhaus oder im Pflegeheim Hoffnung ausstrahlen. Oft wirken gerade wenige, einfache Worte mehr als lange Reden.
Manchmal genügt ein Satz wie: „Ich vertraue darauf, dass Gott mich nicht verlässt.“ Oder: „Ich bete für dich.“ Solche Worte bleiben im Herzen eines Menschen oft ein Leben lang.
Ein zweiter Gedanke dieses Evangeliums ist ebenso wichtig:
Jesus sagt den Jüngern nicht nur, was sie tun sollen. Er sagt ihnen auch, was sie nicht tun sollen: Sie sollen sich nicht daran festklammern, ob ihre Botschaft angenommen wird oder nicht.
Wenn ein Haus sie aufnimmt, sollen sie bleiben. Wenn man sie aber nicht hören will, sollen sie den Staub von ihren Füßen schütteln und weitergehen.
Das klingt zunächst hart. Doch eigentlich nimmt Jesus seinen Jüngern eine schwere Last von den Schultern. Er sagt ihnen damit: Ihr seid nicht verantwortlich für den Erfolg. Ihr seid verantwortlich für eure Treue.
Wie oft erleben wir, dass Kinder oder Enkel mit dem Glauben nichts mehr anfangen können. Viele Eltern und Großeltern leiden darunter. Sie fragen sich: „Haben wir etwas falsch gemacht? Hätten wir mehr tun müssen?“
Sicher dürfen wir uns immer wieder prüfen. Aber wir dürfen uns nicht einreden, dass der Glaube eines anderen Menschen allein von uns abhängt. Niemand kann einen anderen zum Glauben zwingen.
Wir können den Glauben vorleben. Wir können davon erzählen. Wir können einladen. Wir können beten. Aber ob ein Mensch sein Herz öffnet, bleibt letztlich das Werk Gottes.
Das nimmt uns nicht die Verantwortung, aber es befreit uns von einem Druck, den wir gar nicht tragen können.
Vielleicht haben Sie in Ihrem Leben schon erlebt, dass ein guter Rat nicht angenommen wurde. Vielleicht haben Sie für einen Menschen gebetet, der dennoch einen anderen Weg gegangen ist. Vielleicht haben Sie sich gefragt, warum Ihre Worte nichts bewirkt haben.
Dann dürfen Sie heute hören: Tun Sie, was in Ihrer Kraft steht. Den Rest dürfen Sie Gott überlassen.
Der Staub von den Füßen ist kein Zeichen der Verbitterung. Er bedeutet: Ich lasse los. Ich zwinge niemanden. Ich vertraue darauf, dass Gott auch dort weiterwirkt, wo ich nichts mehr tun kann.
Das ist eine Haltung, die gerade im Alter Frieden schenkt. Wir müssen nicht alles in der Hand behalten. Wir müssen nicht jede Entwicklung kontrollieren. Wir dürfen alles in Gottes Hände legen.
Am Ende unseres Lebens wird nicht entscheidend sein, wie erfolgreich wir waren. Entscheidend wird sein, ob wir dem Herrn treu geblieben sind.
Darum lädt uns Jesus heute zu einer großen Gelassenheit ein: Das Evangelium ist das Wichtigste. Dafür sollen wir mit unserem Leben Zeugnis geben. Und wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott selbst die Herzen der Menschen berührt.
Unsere Aufgabe ist die Verkündigung. Gottes Aufgabe ist das Wachstum des Glaubens.
Bitten wir den Herrn, dass er uns die Freude schenkt, bis ins hohe Alter glaubwürdige Zeugen seiner Nähe zu sein – mit unseren Worten, mit unserem Gebet und mit unserem ganzen Leben. Amen.
Bild: Mittelalterliche Buchmalerei vom Meister der Reichenauer Schule.